Ein Rettungsschirm für Europas Bonds

Bond hat Generationen von Männern das Leitbild geboten: Gentleman sollte er sein, kampferprobt, trinkfest, Single, werbetauglich, schlagfertig, und bedingt frauenfreundlich. Geprägt haben unterschiedliche Darsteller dieses Image von Männlichkeit. Sean Connery, der Mann mit den Brusthaaren, Roger Moore, der Mann mit den Augenbrauen, und zum dritten Mal gibt Daniel Craig den Mann mit der tränenden Netzhaut. Während die Bond-Frauen sich in den fünfzig Jahren von Bikiniträgerinnen zu schlagkräftigen Schützinnen entwickelten, wurde Bond immer weniger umhimmelt: Craig gibt den ersten Bond auf verlorenem Posten. Er ist, so gesehen, wieder ein echter Bond: Voll im Trend.

Der Kampf von Mann gegen Mann

Dabei beginnt der Film so rasant, wie kaum ein anderer Film zu enden wagt. Eine Verfolgungsjagd über die Dächer von Istanbul, durch den Bazar hinaus auf einen rasenden Güterzug, wo es nach all dem Einsatz von Hightech und Blendwerk zu dem kommt, was den echten Bond auszeichnet: Zum Kampf von Mann gegen Mann.

Es sind noch nicht zehn Minuten vorbei, da ist James Bond bereits – tot! Erschossen, ertrunken, erschlagen, erstickt und wahrscheinlich auch noch geschüttelt und gerührt geht er von uns und hinterlässt ein Vakuum: Wer rettet jetzt M., die Chefin des britischen Geheimdienstes? Und vor allem: Wer macht jetzt Werbung für all die vielen Gadgets?

Einer der feinsten Bonds aller Zeiten

Bondfilme sind immer perfekt gestilte Trend-Staubsauger. Trendforscher und Marktbeobachter sind denn auch bei den Bond-Produzenten tonangebend. Bondfilme geben den Wandel im Sittenbild der Mittelschicht zeitnaher und präziser wieder, als die meisten Modezeitschriften. Für jede Generation findet sich in ihrem Lieblings-Bond der Prototyp der männlichen Leitbilder der Zeit. Bond widerspiegelt auch die perfekte Anpassung einer Figur an die Anforderungen seiner Zeit. «Skyfall» schafft das souverän und gehört zu den feinsten Bond aller Zeiten.

Nur eine Rettung misslingt

Allerdings ist Bond heute weit weniger salonfähig, textet eher ruppig, lässt Frauen mehr erotisch vibrieren als sexuell und – er kann weinen. Auch seine mütterliche Chefin ist weit familiärer als auch schon. Gegen einen abgründig blondierten Javier Bardem als Gegenspieler rettet Bond nicht die Welt, sondern die Retter seiner Majestät vor dem Untergang. Nachdem er jahrelang den Globus vor Bösewichtern aller Gattung mit purer Eleganz aus der Patsche gezogen hatte, rettet er zum fünfzigjährigen Jubiläum vor allem sich selbst, und das weit hemdsärmeliger, als wir ihn von früher kennen. Nur eine Rettung misslingt: die Rettung vor Werbebotschaften.

37 Millionen Dollar soll allein Heineken für das Bierchen bezahlt haben, das James Bond trinkt. Omega ist wieder dabei und auch der VW-Beetle hat seinen Auftritt (er wird sogar genannt, bevor er von einem Caterpillar-Bagger gleich dreifach überrolllt wird). Bond macht den TV-Stationen vor, wie sie die lästigen Werbepausen vermeiden könnten: mit Martini trinkenden Nachrichtensprechern oder indem eine Moderatorin bei 10vor10 sich die Nägel mit O.P.I lackiert.

Product-Placement at its best

Was wir sonst noch lernen: Aussenspiegel kann man bei einem Land-Rover gerne mal riskieren. Telefonieren sollte man zur Rettung der Welt lieber nicht mit einem Apple- sondern Sony-Smartphone. Das Vaio-Laptop dürfte sich für Hacker ebenso eignen wie für Retter. Der Jaguar darf  Klasse zeigen und muss nicht in Brüche gehen, wie etwa die 15 Audis und sechs Landrover. Der Anzug von Bond ist von John Ford. Die Marke der Kravatte, die auch bei Motorradverfolgungsjagden über die Dächer von Istanbul einem Mann nicht ums Gesicht flattert, dürfte die selbe Marke haben.

Und zum guten Schuss: Für unsere amerikanischen Freunde der Faustfeuerwaffe ist im Grossformat nicht zu übersehen: die Walther PPK9, die besonders bei amerikanischen Shoppern zu geradezu hysterischen Kaufimpulsen führen sollte. (Der Handfeuerwaffenverkauf in den USA hat in den letzen Jahren um 90 Prozent zugenommen). Die Strassen, so liess die Produktion verlautbaren, waren mit Coca-Cola rutschfest gespritzt worden. Damit ist auch der grösste Zuckerwasser-Produzent der Welt im Boot.

Nichts was im Bond auftaucht, ist nicht auch schon bezahlt, bevor der Film zu Ende ist. Und nichts taucht im Bond auf, das nicht auch sich selber zitiert. Selbst das Auto ist autoreferentiell: Der gute alte Aston Martin (er durfte zum ersten Mal in «Goldfinger» antreten) wird zum Jubiläum auch noch einmal aktiviert. Mit Humor. Er wird dann doch noch ganz zerschossen. Das Alte macht dem Neuen Platz. Auch in der Erotik: Der Nassauftritt von Ursula Andress wird durch die die Nassrasur von Eve am Adamsapfel von Bond ersetzt. Auch sie wird dereinst in die Bond-Geschichte eingehen: Als die neukeusche Erotik des neuen Jahrtausends. Wir bleiben «geschüttelt und doch etwas gerührt».